| Vom 23.11.00 bis zum 25.11.00 fand ein
Selbstverteidigungslehrgang für blinde Frauen in Saulgrub, im Blinden und
Begegnungszentrum des bayrischen Blindenbundes statt. Anwesend waren 6 Frauen die blind
oder stark sehbehindert waren.
Blinde Frauen sind natürlich einer
noch stärkeren Bedrohung ausgesetzt als "sehende" Frauen, deshalb sind sie oft
schon einem Überfall oder einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen, was auch im Umgang mit
ihnen einer besonderen Feinfühligkeit bedarf. Auch zu Unterrichten bedarf einer
Umstellung, da ja nicht wie üblich gezeigt werden kann, wie eine Bewegung aussieht,
sondern alles in Worten, bzw. durch fühlen erklärt werden muß.
Es
wurde nach einigen theoretischen Stunden in denen ich zuerst das Prinzip, wie so eine
Abwehrmaßnahme aussehen kann, erläuterte, in die Praxis übergegangen.
Hier unterrichtete
ich WingTsun übliche Techniken, die ich speziell aufgrund der verschiedenen
Angriffssituationen einer blinden Frau aussuchte. Speziellen Wert legte ich auch auf die
Gesamtheit einer Situation, indem ich am letzten Übungstag komplette Alltagssituationen
durchspielte, in denen auch die Schrecksekunde kennengelernt wurde und Möglichkeiten sie
zu überwinden geübt wurden. Von den Frauen wurde mir berichtet, daß es einige
"Angriffe" gibt, die einer blinden Frau fast täglich widerfahren. Am
häufigsten wohl wird die blinde Frau am Arm gegriffen, um sie über die Straße zu
bringen, doch dort wollte sie gar nicht hin, jetzt muß sie mühevoll auf die andere Seite
zurück. Hier ging ich auf die Problematik einer starken Verteidigung ein, denn ein
hilfsbereiter Mensch sollte nicht zusammengeschlagen werden. Ich unterrichtete eine
Möglichkeit, die Situation durch einfaches befreien aus dem Griff, ohne den Angreifer (
Helfer" ) zu verletzen, unter Kontrolle zu bekommen. Denn jetzt kann dem
Gegenüber erklärt werden, was man denn wirklich will, oder ob man überhaupt Hilfe
benötigt.

Befreiung
aus einer Umklammerung von hinten
Möglich ist die
Verteidigung blinder Menschen nur, durch das einzigartige System im WingTsun, das nicht
auf optische ( sehen dann Abwehren ), sondern auf taktile ( fühlen dann Abwehren )
Impulse reagiert. Dies wird im WingTsun durch Chi Sao ( ein spezielles Gefühlstraining )
geübt.
Das Ziel war jedoch
nicht nur, die Frauen in Techniken zu Unterrichten, sondern ihnen Verhaltensweisen bzw.
Warnzeichen vor und nach dem Angriff beizubringen, um einer eventuellen Gefahrensituation
von vornherein aus dem Weg zu gehen, denn ein Kampf kann nur die letzte Möglichkeit sein
und dient nur zur Schadensbegrenzung.
Der Lehrgang wurde
von allen als sehr sinnvoll und wichtig empfunden und konnte durch die
Bewegungsintensität und die Motorikschulung zu einer besseren Wahrnehmung des eigenen
Körpers beitragen, denn blinde Menschen, vor allem Geburtsblinde, neigen oft zu
motorischen Störungen bzw. Koordinationsschwäche.
WingTsun hilft
dabei, die Koordination, sowie die Wahrnehmung des Gegenübers zu fördern, was sehr stark
zu einer Verbesserung der nonverbalen Kommunikation führt. Der Gesprächspartner wird
angeschaut, nicht daran vorbeigesehen, denn viele Blinde haben noch nie ihre Augen
benutzt, genau deswegen sehen sie auch keine Notwendigkeit, einen Gesprächspartner
anzusehen. Genau hierbei haben viele Blinde Schwierigkeiten, da sie es meistens nie geübt
hatten sich auf den anderen einzustellen. Mir wurde von allen Teilnehmerinnen bestätigt,
daß sie sich jetzt leichter den Gesprächspartner vorstellen können und somit besser mit
ihm sprechen können.
Als Resümee kann
man sagen, daß WingTsun eine Kampfkunst ist, die stark zur Verbesserung der
Verteidigungsfähigkeit sowie des eigenen Körperbewußtseins und somit zur Steigerung der
Lebensqualität eines blinden Menschen führt.
Holger
Heiß
Holger
Heiß |